Link the intro page
Link to content

Macronavigation:

KOMMENDE AUSTELLUNG

"GROUP SHOW"
19.09. - 13.10.2010
Gruppenausstellung mit Künstlern der Galerie und Gästen. Eröffnung: Sonntag, 19. September 14 Uhr
Photo Edition Berlin
Berlin, Germany
 

FOTOGRAFISCHE ARBEITEN VON CLAUS STOLZ

Die fotografischen Arbeiten von Claus Stolz thematisieren das prekäre Verhältnis des Menschen zur Natur und umgekehrt, somit dessen Verhältnis zu sich selbst einschließlich seiner Wahrnehmungsmechanismen, ohne explizit darauf zu verweisen.

Bei seinen Bodenaufnahmen beispielsweise wird nichts arrangiert, der Blickwinkel ist genau senkrecht von oben im festgelegten, relativ niedrigen Abstand auf ein Wiesenstück, ein Stück Waldboden, eine Brach-, Schnee- oder Wasserfläche gerichtet. Reduzierte Perspektive, keine Flucht- oder Horizontlinien; keine Schattenwirkung beeinflusst oder richtet den Blick; die Ausleuchtung ist gleichmäßig diffus, die Aufnahmetechnik somit weitgehend standardisiert. Die Motive (angesiedelt zwischen den "Hundewiesen" unserer Großstädte und unseren diese umgebenden Kulturlandschaften) sind für den Künstler von unterschiedslosem Interesse; die Ausschnitte, auch wenn sie zufällig oder beliebig erscheinen, so universell gewählt, dass sie prototypischen Charakter besitzen.

Aufgenommen und gegenüber den Originalflächen im Maßstab 4:1 vergrößert, entsteht ein Fundus von Bildern, die jeder zu kennen vermeint; Bilder, die keine (direkte) Aussage über die Welt und ihre Bewohner machen, dies auch nicht wollen. Die Nähe, die die Bilder vermitteln, betont gleichzeitig eine größtmögliche Distanz. Frei von jeglicher Naturromantik wirken sie auf irritierende Weise wie Ansichten einer fremden Welt; in gewisser Weise ähnlich den Bildern, die die Sonde Pathfinder vom Mars sendet, werden diese Bilder zu Dokumenten einer Spurensuche, einer vorsichtigen Erkundung. Es sind "Souvenirs" einer Welt, deren Wunder man bestaunt, ohne sie verstehen zu müssen.

Es sind Bilder, die konstatieren, dass etwas (da) ist. Merkwürdigerweise ergibt sich gerade durch diese Unnahbarkeit und lakonische Präsenz eine herausfordernde Irritation, die noch verstärkt wird durch die unaufgeregte Schönheit der Arbeiten sowie freilich auch durch die auf dem einen oder anderen Bild vorfindbaren Gegenstände, seien es Zigarettenkippen, Glasscherben, Treibgut, Plastik, Alufolie, Papier oder ein verlorengegangenes Kinderbrillenetui: jeder Ort ist auch potentieller Tat-Ort.

Die Wahrnehmung wird von Claus Stolz mit dem Sehen konfrontiert: Serien wie Himmel oder Dämmerung zeigen durchgehend monochrome Flächen und nichts von der Modulation der Farbtöne, die das Auge bzw. das Gehirn und das Gedächtnis, Vorstellung und Erinnerung normalerweise mit diesen Begriffen verbinden. Undurchdringlich stehen das Blau, Rot, Gelb, Grün, Violett, Rosa oder Grau eines Himmels an der Oberfläche, verweigern jegliche Tiefensicht außer der, die der Farbe selbst immanent ist, es gibt es keine Maßstäblichkeit und keine Orientierungspunkte, keine Vorspiegelung einer Räumlichkeit; auch hier eine gleichmäßige Ausleuchtung; eine vermeintliche Künstlichkeit, die den Prozess des Sehens von der gewohnheitsmäßigen Wirklichkeitserfahrung abkoppelt. Diese erstaunlich breite und teilweise sehr kräftige Farbpalette mag auf den ersten Blick verwundern, doch dienen dem Künstler neben seinen Ausschnitten von "normalen" Tag- und Nachthimmelaufnahmen, Sonnenauf- und Untergängen, als Ausgangsmaterial auch die Himmelfarben von Abbildungen aus verschiedenen Printmedien wie Reiseprospekte, Bildbände oder Reproduktionen von Gemälden; die verfälschten Farbeindrücke beim Blick durch die Sonnenbrille; die veränderten Farben gealterter Foto- und Filmaufnahmen und auch die seltsamen Farben des von Gewitterblitzen kurz erleuchteten Nachthimmels.

Durch Langzeitbelichtungsserien der Sonne entstehen, abhängig von der Strahlungsintensität und der Einwirkdauer (bzw. von der während der Belichtungszeit durch die Erdrotation zurückgelegten Strecke) auf das fotografische Material und darin regelrecht eingebrannt, runde bis langgezogene Formen mit blauschwarzen, seltsamen und manchmal bizarr anmutenden Binnenformen und -strukturen. Jeder kennt diesen optischen Effekt: schaut man nur kurze Zeit ungeschützt in die Sonne, bildet sich auf der Netzhaut ein heller Fleck ab; leicht entzündliche Stoffe lassen sich mit Hilfe eines Brennglases in dessen Brennpunkt entflammen. Dem Filmmaterial in der Kamera ergeht es durch das Linsensystem bei entsprechenden Belichtungszeiten ähnlich. Eine digitale Bearbeitung erfolgt nicht.

In seinen Arbeiten kommt Claus Stolz vom Abbild zum Bild, das in der Distanzierung von der Wirklichkeit für sich steht. Indem die Kamera und der fotografische Prozess nicht zu beliebig manipulierbaren Hilfsmitteln, sondern gleichberechtigt zum Auge des Fotografen eingesetzt werden, verändert sich der Blick, gewinnt in der Nähe zum Sujet Distanz. Das Ziel dieser Fotografie ist die Fotografie.

Martin Stather, Ins Grüne. Fotografische Arbeiten von Claus Stolz, Ausst.-Kat., hrsg. v. Martin Stather, Mannheimer Kunstverein 2000

  •  
Page Footer